
Über diese Frage
Geschrieben von Andrea Leijon, Gründerin von Temple
Wenn sich das Verlangen in den Wechseljahren verändert, geben die meisten Frauen zuerst dem naheliegendsten Übeltäter die Schuld: den Hormonen. Und Hormone sind real. Aber sie sind nur ein Kapitel einer Geschichte, die auch vom Nervensystem, von der Beziehung und vom Kopf geschrieben wird. Die Frau, die alles den Hormonen zuschreibt und ausschließlich hormonelle Lösungen sucht, findet oft nur teilweise Linderung – und fragt sich, warum das Verlangen nicht vollständig zurückgekehrt ist. Der Grund: Die vier Treiber hinter geringem Verlangen in den Wechseljahren sind eigenständig und überschneiden sich auf eine Weise, die unterschiedliche Ansatzpunkte braucht. Zu wissen, welcher davon in deinem System dominiert, macht den Unterschied zwischen Jahren der Suche und Monaten des Fortschritts.
Östrogen, Progesteron und Testosteron beeinflussen alle das Verlangen – auf unterschiedliche Weise. Östrogen wirkt auf die Durchblutung, die Gewebeempfindlichkeit und die vaginale Gesundheit. Der Rückgang von Progesteron stört Schlaf und Stimmungsregulation. Der allmähliche Abfall von Testosteron verringert das spontane Verlangen. Zusammen entsteht ein hormonelles Umfeld, das dem Verlangen weniger Raum gibt. Der hormonelle Treiber dominiert, wenn Verlangen schon vor den Wechseljahren vorhanden war und parallel zu anderen körperlichen Symptomen zurückgegangen ist – trockene Schleimhäute, gestörter Schlaf, Hitzewallungen. Die Intervention, die hier wirkt, umfasst oft lokales Östrogen, eine ärztlich begleitete Testosteronabklärung und manchmal eine systemische Hormonbehandlung. Doch Nagoskis Forschung zeigt immer wieder, dass eine rein hormonelle Behandlung das Verlangen selten vollständig zurückbringt – denn Verlangen ist nicht rein hormonell.
„Verlangen ist kein Hormonspiegel. Es ist ein Zustand des gesamten Systems – und ein Zustand des gesamten Systems braucht eine Lösung für das gesamte System.“
Emily Nagoskis Doppelkontrollmodell (Dual Control Model) beschreibt das sexuelle Hemmsystem (SIS) – die mentalen Bremsmechanismen, die auf Bedrohung, Leistungsdruck, Selbstkritik und Sorge reagieren. In den Wechseljahren erleben viele Frauen eine verstärkte SIS-Aktivierung: Angst vor dem veränderten Körper, der Druck, wie früher zu funktionieren, Scham über das nachlassende Verlangen. Der mentale Treiber dominiert, wenn die körperlichen Symptome vergleichsweise mild sind, das Verlangen aber trotzdem kaum zu fassen ist – wenn der Körper könnte, der Kopf aber nicht mitspielt. Das Gehirn hintergeht dich nicht. Das limbische System reagiert auf wahrgenommene Bedrohungen. Diese Bedrohungsmuster umzulernen ist möglich – und das gelingt schneller mit kognitiver und somatischer Arbeit als mit einer hormonellen Behandlung.
Untersuchungen des Gottman Institute zeigen immer wieder, dass die Beziehungsqualität einer der stärksten Prädiktoren für sexuelles Verlangen in langjährigen Partnerschaften ist. Der Beziehungstreiber dominiert, wenn Verlangen außerhalb des Beziehungskontexts vorhanden ist – in der Fantasie, allein – aber mit der Partnerin oder dem Partner fehlt. Das ist kein Zeichen dafür, dass die Beziehung am Ende ist. Es ist ein Zeichen dafür, dass sich der Beziehungskontext für das Verlangen verändert hat und nicht aktualisiert wurde. Kommunikation über die Veränderungen, Neugier auf die Erfahrung der Partnerin oder des Partners und das bewusste Schaffen eines neuen Beziehungskontexts sind die Interventionen, die hier wirken. Nicht Willenskraft. Nicht Hormone.
Die Forschung in Zahlen
Häufig gestellte Fragen
Wie erkenne ich, ob mein geringes Verlangen hormonell oder psychisch bedingt ist?
Eine hilfreiche Faustregel: Zeigt sich Verlangen in Solo-Momenten – Fantasie, Selbstberührung – auch wenn es mit einer Partnerin oder einem Partner fehlt? Wenn ja, dominiert wahrscheinlich der Beziehungstreiber oder der mentale Treiber. Fühlt sich Verlangen unabhängig vom Kontext körperlich unmöglich an? Dann stehen eher der hormonelle Treiber und das Nervensystem im Vordergrund.
Ich habe eine Hormonbehandlung ausprobiert, und mein Verlangen ist immer noch gering. Woran liegt das?
Eine Hormonbehandlung wirkt gezielt auf den hormonellen Treiber – aber wenn auch der Beziehungstreiber, der mentale Treiber oder das Nervensystem eine Rolle spielen, reicht eine rein hormonelle Behandlung nicht aus. Das ist der häufigste Grund, warum Frauen von den Auswirkungen einer Hormonbehandlung auf ihr Verlangen speziell enttäuscht sind.
Kann das Verlangen in den Wechseljahren von selbst zurückkommen, ganz ohne Behandlung?
Ja – vor allem, wenn Beziehung oder Kopf die primären Treiber sind und nicht die Hormone. Responsives Verlangen – Verlangen, das durch Kontext, Nähe und Stimulation geweckt wird, statt spontan zu entstehen – steht den meisten Frauen unabhängig vom Hormonstatus zur Verfügung.
Warum fühlt sich mein Verlangen in den Wechseljahren an manchen Tagen besser an als an anderen?
Hormonschwankungen, Schlafqualität, Stresslevel, Beziehungsdynamik und mentaler Zustand verändern sich alle von Tag zu Tag – und wirken zusammen. Verlangen ist ein Zustand des gesamten Systems – und dieses System verändert sich ständig. Diese Schwankungen verraten dir, welche Treiber gerade am aktivsten sind.
Ich weiß wirklich nicht, woran mein geringes Verlangen liegt. Wo fange ich an?
Der hilfreichste Ausgangspunkt ist Neugier, nicht Diagnose. Beobachte, in welchen Situationen Verlangen eher da ist – und wann nicht. Achte auf die körperlichen, partnerschaftlichen und mentalen Zustände, die mit diesen Unterschieden einhergehen. Diese über Wochen aufgebaute Wahrnehmung zeigt den dominierenden Treiber zuverlässiger als jede einzelne Bewertung.
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Quellen: Nagoski, E. (2021). Come As You Are (revised ed.). Simon & Schuster. · Bancroft, J. & Janssen, E. (2000). The dual control model of male sexual response: a theoretical approach to centrally mediated erectile dysfunction. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 24(5), 571–579. · Gottman, J.M. (1999). The Marriage Clinic. W.W. Norton.